Daten & BI14. Juli 20265 Min. Lesezeit

Microsoft hat auf der Build 2026 und im Juni-Release eine Reihe von Neuerungen für Power BI und Microsoft Fabric ausgerollt, die unter der Überschrift „agentische Ära der Analytik“ laufen. Vieles davon ist Preview und für den Mittelstand vorerst irrelevant. Zwei Dinge sind es ausdrücklich nicht – und die haben mit dem Marketing-Begriff wenig zu tun. Wir haben die Ankündigungen gegen die offizielle Produktdokumentation geprüft und sortiert nach dem, was Sie sofort nutzen sollten, was Sie evaluieren können und was Sie getrost ignorieren dürfen.

Sofort umsetzen: der Papierkorb für Workspaces

Die wichtigste Neuerung ist die unspektakulärste. Item Recovery ist allgemein verfügbar (GA): Gelöschte Fabric-Objekte – Reports, Semantikmodelle, Lakehouses – lassen sich über das Portal oder per REST-API wiederherstellen, mit einer konfigurierbaren Aufbewahrung von bis zu 90 Tagen. Ohne Zusatzkosten.

Damit schließt Microsoft die schmerzhafteste Governance-Lücke von Fabric. „Jemand hat den Workspace aufgeräumt“ war bisher ein Fall für das Backup, das es meistens nicht gab. Wenn Sie aus diesem Artikel nur eine Sache mitnehmen: Konfigurieren Sie die Aufbewahrungsfrist, bevor Sie sie brauchen.

Ebenfalls GA und für gewachsene Modelle sofort nützlich: DAX User-Defined Functions. Wiederverwendbare, typisierte DAX-Funktionen mit optionalen Parametern – das Ende der kopierten Measures, die sich über Jahre in leicht abweichenden Varianten vermehren.

Evaluieren: Reports, die aus Prompts entstehen

Hinter „Agent Skills for Power BI“ (Preview) steckt nicht der Knopf im Portal, den man erwartet. Es ist ein Bündel, das man in seinen eigenen KI-Coding-Assistenten installiert: Instruktionssets für Semantikmodell- und Report-Erstellung plus Werkzeuge, die Schemas lesen, DAX ausführen, Modelle bearbeiten und Power BI Desktop fernsteuern können.

Der eigentlich interessante Punkt daran ist ein struktureller: Die Arbeit passiert in den PBIP/PBIR-Textdateien. Damit werden Versionierung in Git, Code-Review und CI/CD für Power-BI-Artefakte erstmals realistisch – etwas, das in BI-Projekten seit Jahren schmerzlich fehlt. Der Preis: Man braucht eine Entwickler-Werkzeugkette (CLI, Node.js). Für den Fachbereich ist das nichts, für ein BI-Team mit Entwicklungs-Hintergrund schon.

Verwandt dazu ist Skills for Fabric – von Microsoft unter MIT-Lizenz auf GitHub veröffentlichte Instruktionssets, die KI-Werkzeugen beibringen, wie Fabric tatsächlich funktioniert (welche APIs, welche Query-Syntax, welche Auth). Unterstützt werden unter anderem GitHub Copilot, VS Code, Claude Code, Cursor und Windsurf. Wichtig zu verstehen: Diese Skills sind Wissen, kein ausführender Dienst.

Unsere Empfehlung: In einem Dev-Workspace mit eigenem Service Principal ausprobieren – nicht auf der Produktivumgebung, und nicht mit den Rechten des Administrators.

Evaluieren: aus Alarmen werden Ereignisse

Activator kann jetzt (Preview) strukturierte Business-Events veröffentlichen, wenn eine Bedingung in einem Power-BI-Report, einem Real-Time-Dashboard, einer KQL-Abfrage oder einer Warehouse-SQL-Abfrage zutrifft. Der Unterschied zum bisherigen „Alarm per E-Mail“ ist grundlegend: Aus einer Benachrichtigung wird ein Ereignis mit einem definierten Schema, das beliebig viele Empfänger abonnieren können – Teams, Power Automate, ein Notebook, ein Copy Job – ohne dass jemand die Quelle anfassen muss. Und jedes veröffentlichte Ereignis landet automatisch im Eventhouse, sodass sich hinterher die Frage beantworten lässt: Wie oft ist das eigentlich passiert?

Der typische Mittelstands-Fall: Ein Schwellwert im Report – Lagerbestand, Deckungsbeitrag, offene Posten – erzeugt ein Ereignis, das eine Benachrichtigung und einen automatischen Folgeprozess auslöst.

Ein Haken, den man kennen muss: Die Verarbeitung von Business Events wird seit Juni über das normale Kapazitätsmodell abgerechnet. Auf einer kleinen F2- oder F4-Kapazität kann eine zu gesprächige Regel spürbar Kapazität verbrauchen, die dann anderen Workloads fehlt.

Erst prüfen, dann greifen: Echtzeitdaten aus dem ERP

Der neue Connector Mirrored Database (Change Feed) (Preview) bringt Einfügungen, Änderungen und Löschungen aus einer gespiegelten Datenbank in Echtzeit in einen Eventstream. Unterstützt werden laut Dokumentation Azure SQL Database, Cosmos DB, Snowflake und Open Mirroring.

Bevor Sie das evaluieren, ein pragmatischer Hinweis: Wenn Ihre Quelle ein lokaler SQL Server, eine Azure SQL DB oder eine Managed Instance ist – und das ist im Mittelstand der Normalfall –, dann ist die CDC-Unterstützung im Copy Job der bessere Weg. Die ist bereits allgemein verfügbar, während der Change-Feed-Connector noch Preview ist, keine Tabellenauswahl erlaubt und zusätzliche Kosten verursacht (der Delta Change Data Feed ist eine kostenpflichtige Erweiterung und erhöht den Speicherverbrauch).

Ignorieren: Azure HorizonDB

Die neue PostgreSQL-kompatible Datenbank mit eingebauter Vektorsuche macht gerade Schlagzeilen. Für deutsche Mittelständler ist sie im Juli 2026 kein Thema, und das lässt sich präzise begründen: Sie ist Preview, es gibt keine Region in Deutschland oder Westeuropa (Stand Juli 2026: US-Regionen, Schweden, Australien), es gibt keine kundenverwalteten Schlüssel, keine regionsübergreifenden Replikate und eine feste Backup-Aufbewahrung von sieben Tagen. Für personenbezogene Daten ist das eine klare Absage. Beobachten – nicht evaluieren.

Und die Lizenzfrage

Die Copilot-Funktionen in Fabric setzen mindestens eine F2-Kapazität (oder P-SKU) voraus und laufen nicht auf Trial-Kapazitäten. Für Kunden mit einer Kapazität innerhalb der EU Data Boundary ist die Verarbeitung datenschutzseitig sauber – es ist keine Verarbeitung außerhalb der Region nötig. In souveränen Clouds steht Copilot nicht zur Verfügung.

Fazit

Die agentischen Funktionen sind der spannendere Teil der Ankündigung, aber der Nutzen liegt im Juli 2026 woanders: beim Papierkorb, den Sie heute konfigurieren, und bei den DAX-Funktionen, die Ihr gewachsenes Modell entrümpeln. Das ist weniger aufregend – und rechnet sich sofort.

Wenn Sie Ihre BI-Landschaft ohnehin gerade neu ordnen: Wir zeigen auf unserer Seite zu Business Intelligence & ETL, wie wir Datenquellen anbinden und Dashboards aufsetzen.

Alle Angaben gegen die offizielle Microsoft-Produktdokumentation (Microsoft Learn) geprüft. Preview-Funktionen können sich kurzfristig ändern. Stand: 14. Juli 2026.

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